Iris Szeghy






Psalm

für Stimme solo nach einem Gedicht von Paul Celan

Die Trauer und der Nihilismus einerseits, die Menschlichkeit und die damit verbundene zarte Hoffnung, die dennoch aus der Poesie Paul Celans spricht, andererseits waren der Auslöser für meine Vertonung von Celans Psalm aus dem Gedichtband Niemandsrose.

Mein Problem vor der Komposition war: Ist es möglich, ein Gedicht wie Psalm in traditioneller Art zu vertonen? Im Grunde genommen ist es ja ein Anti-Psalm, ein Anti-Gebet, in dem Gott den Namen „Niemand“ und der Mensch den Namen „Nichts“ hat. (Darin äussert sich die jüdische Erfahrung des 2. Weltkrieges; vielleicht nur ein Jude konnte einen solchen Text schreiben.). Die Worte sind so stark, dass sie kaum nach musikalischer „Vertiefung“ rufen.

Wenn ich mich dem Wesen des Gedichts nähern wollte, konnte ich es nicht auf herkömmliche Art vertonen. Deshalb lasse ich die Sängerin den Text nur sprechen und flüstern wie eine schnelle, unverständliche „Gebetsmühle“, die immer wieder durch eine Art Lamento-Gesang auf Vokale und Silben unterbrochen wird. Nach der Gradation, dem Höhepunkt und der kurzen Retardation dieses Prozesses kommt am Ende des Stückes die erste Vertonung des Textes auf traditionelle Art – die Sängerin singt die Schlüsselverse des Gedichts in der Art eines hebräischen Psalms. Zum ersten Mal wird das Wort verständlich – damit erhellt sich das vorangehende musikalische Geschehen und der Sinn des Werkes.

PSALM
Paul Celan

Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,
niemand bespricht unsern Staub.
Niemand.
Gelobt seist du, Niemand.
Dir zulieb wollen
wir blühn.
Dir
entgegen.
Ein Nichts
waren wir, sind wir, werden
wir bleiben, blühend:
die Nichts-, die
Niemandsrose.
Mit
dem Griffel seelenhell,
dem Staubfaden himmelswüst,
der Krone rot
vom Purpurwort, das wir sangen
über, o über
dem Dorn.

Zitiert aus Paul Celan: Niemandsrose ...
© Fischer Verlag


Iris Szeghy